Das reBike – Fahrradfahren mit Gewinn

 

Unsere Vision

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Es ist der 30.6.2030. Der Wecker klingelt, ich werde wach und registriere, dass die Sonne scheint. Es geht ein laues Lüftchen, laut dem Wetterbericht sollen heute 28 Grad erreicht werden. Die äußeren Bedingungen könnten nicht besser sein, um alle vorstellbaren Dinge im Freien zu unternehmen. Freiburg ist an Tagen wie heute eine Stadt, die es uns so leicht macht, uns zu bewegen. Umgeben von Natur, und in der Stadt selbst unzählige schöne Plätze an der Dreisam, diversen Parks mit Grünflächen und allen nur erdenklichen Wohlfühloasen. Die Wohnkosten sind seit Jahrzehnten schon sehr hoch, da die Stadt angesichts der hohen Lebensqualität über alle Altersgruppen hinweg einen regelrechten Boom erlebt. Und es gibt Fahrräder, Unmengen von Fahrrädern. Das ist für Freiburg zwar grundsätzlich nichts Neues, doch ein gesellschaftlicher Wertewandel lässt sich bei genauerem Betrachten durchaus feststellen.

Noch vor 15 Jahren hätte man viele Fahrräder, die uns hier begegnen, eher Science-Fiction-Filmen zugeordnet, doch heute sind sie Bestandteil der Lebensrealität vieler Menschen in Freiburg und natürlich auch anderen Städten und Ländern. Der galoppierende technologische Fortschritt in Bezug auf nachhaltige Strategien hat seinen Einzug genommen. Das Fahrradfahren hat eine völlig neue Ebene erreicht. Es schont nicht nur die Umwelt, sondern sorgt auch dafür, dass seine Besitzerinnen und Besitzer durch seinen Gebrauch Geld einsparen, was angesichts der Lebenshaltungskosten besonders für Studierende attraktiv erscheint. Wie das gehen soll? Mit einem ökologisch abbaubaren Fahrrad, das die Umwelt weder vor oder während, noch nach seiner Nutzungszeit verschmutzt – dem reBike, im Volksmund bereits mit der liebevollen Bezeichnung „Envirobike“ versehen. Hometrainer, die Strom erzeugen, sind zwar längst keine Neuheit mehr. Aber unterwegs Strom durch Bremskraft, Reibungskraft und die Reifenrotationen sammeln, im portablen Akku speichern, und zuhause davon Wäsche zu waschen und fern zu sehen? Das ist revolutionär.

Doch wie entwickelte sich dieser Trend? Das Fahrrad galt zwar immer schon als umweltfreundliches Mittel der Fortbewegung, aber auch dieses Narrativ wurde im Laufe der Zeit immer kritischer hinterfragt, da in diese Betrachtung selten der Lifecycle des Drahtesels und die damit verbundenen Fragen einbezogen wurden. Welche Materialien werden verwendet? Können bei der Herstellung von Materialien wie Carbon oder Aluminium Umweltbelastungen entstehen? Was passiert mit dem Schrott, wenn das Fahrrad nicht mehr nutzbar bzw. veraltet ist? Wo findet die Produktion überhaupt statt? Muss mein Fahrrad auf den Weltmeeren Tausende von Kilometern zurücklegen, bevor ich es hierzulande endmontiert als Mittel gegen die Schadstoffbelastung der Erdatmosphäre einsetzen kann? Der US-amerikanische Journalist Brian Palmer bemängelte etwa schon im Jahr 2011, dass bereits ein einfaches Fahrrad, wie es noch damals den Standard darstellte, in seinem Produktions- und Transportzyklus über 200kg an Treibhausgasen emittiere. Dennoch sei es trotz dieser hoch erscheinenden Zahl im Vergleich zu anderen Verkehrsmitteln, gerechnet auf den CO2-Aufwand je Personenkilometer, deutlich umweltfreundlicher. Dies ist mitnichten eine überraschende Erkenntnis, doch die Ambition, den ökologischen Fußabdruck weiter zu reduzieren, erschien von diesem Standpunkt her nachvollziehbar.

Speziell in einer Stadt wie Freiburg kann man nicht behaupten, dass das Fahrradfahren jemals „außer Mode“ war. Gerade vor der 2015 eröffneten Universitätsbibliothek wurde dies immer wieder deutlich. Studierende der Kategorie „Langschläfer“ hatten es hier selten leicht, Fahrradstellplätze zu finden. Doch ein konkretes Bewusstsein über diese ca. 15kg schwere Konstruktion aus Metall und Plastik war damals in dieser Form noch nicht vorhanden. In der Blütezeit der Konsumgesellschaft, deren Existenz zulasten kritischer Ansätze ging, erschien eine solche Entwicklung, wie wir sie in den vergangenen Jahren erlebt haben, noch nicht denkbar. Das Radfahren war, gerade mit Bezug auf Freiburg, in erster Linie nur dadurch motiviert, da es eben das beste Fortbewegungsmittel war, um alle relevanten Punkte in der Stadt möglichst zeitsparend zu erreichen. Durch Abwesenheit einer entsprechenden Technologie, die die beschriebene Entwicklung möglich machte, waren zudem auch die Rahmenbedingungen noch gar nicht gegeben, um ein solches Fahrrad zu entwickeln. Durch den umfangreichen Ausbau des Schienennetzes innerhalb Freiburgs von Seiten der VAG wurde die allgemeine Fahrradbegeisterung gedämpft und viele Menschen stiegen wieder auf den ÖPNV um. Diese Tendenz kehrte sich jedoch in den letzten Jahren wieder um.

 

Die Zukunft heißt klimapositiv

Selbstverständlich war dieser Veränderungsprozess nicht „ad hoc“ möglich, sondern durchlief eine jahrelange Entwicklung: Nachdem sich zu Beginn der 2020er-Jahre der Konsens etablierte, dass sich auch in Bezug auf eine vermeintlich „sichere Bank“ der Umweltschonung ein zweiter Blick lohnt, wurden Alternativen immer populärer. Das sogenannte „Null-Fahrrad“, seit 2024 auf dem Markt, wurde mit der Zielvorstellung verknüpft, dass es nur aus biologisch abbaubaren Materialien zu bestehen hatte und keinen negativen Einfluss auf die Umwelt nehmen sollte, wobei aber eigentlich nur der Herstellungsprozess in Betracht gezogen wurde. Etwa der Rahmen des Fahrrades, der nur aus in Europa angebautem Bambus ist, kann hier stellvertretend benannt werden. Binnen drei Jahren entwickelte sich das Fahrrad zum Kassenschlager und verkaufte sich innerhalb der Europäischen Union im niedrigen zweistelligen Millionen-Bereich, was in diesem Zeitraum einen Marktanteil von fast 10% bedeutete.

Doch auch hierin steckte noch Entwicklungspotenzial. Im Jahr 2028 designten wir in Kooperation mit einem Start-up aus den Niederlanden ein Fahrrad, das nicht nur klimaneutral, sondern klimapositiv sein sollte. Das Wort Klimapositivität legt seine Bedeutung zwar schon selbst nahe, der Begriff wurde jedoch erst in den vergangenen Jahren neu geschöpft und war 2026 schon von der Gesellschaft für deutsche Sprache zum Wort des Jahres erkoren worden. Jedenfalls entwickelte wir zusammen mit dem Team aus Ingenieurinnen und Ingenieuren ein Fahrrad, das Strom für den Alltagsbetrieb produzieren sollte. Ein Fahrrad, das während dem Fahren Strom erzeugt, ist zwar keine vollständige Neuheit, da sich mit Sicherheit alle älteren Generationen noch an den sogenannten Fahraddynamo erinnern können, der bei Nachtfahrten mit dem Fahrrad die ausreichende Ausleuchtung desselben sicherstellte. Von der tatsächlichen „Tretleistung“ kamen hierbei jedoch oft nur etwa 5 Watt im entsprechenden Glühlämpchen an, sodass sich hier ein großes ungenutztes Potenzial diagnostizieren ließ. Im Angesicht der nie abebbenden Debatte um eine klimafreundliche Stromproduktion konnte man zudem auch dieses Ziel mit dem „Envirobike“ abdecken.

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Die Attraktivität des Fortbewegungsmittels Fahrrad hat jedoch in den letzten Jahren enorm zugenommen, da durch den technologischen Wandel eine Gewinnsituation für alle Beteiligten herbeiführbar ist. Zum einen für die Natur, weil Autofahren auf kurzen und mittleren Strecken sich mehr und mehr zu einem gesellschaftlichen Tabu entwickelt. Zum anderen auch für die Komponentenhersteller, die sich nun der Tatsache rühmen können, als Innovationstreiber auf umweltfreundliche Technologien zu setzen. Zum dritten auch für alle Verbraucher, denen sowohl ein Anreiz zur körperlichen Ertüchtigung und damit auch einem gesunderen Lebensstil gegeben ist, als auch der Geldbeutel durch den selbstproduzierten Strom deutlich entlastet werden kann. All das hat einen neuen Hype um dieses umweltfreundliche Verkehrsmittel ausgelöst. Laut jüngsten Umfragen haben nun fast 15% der Bewohner Freiburgs neuen Antrieb, ihr Fahrrad wieder häufiger zu nutzen. Und sogar ganze 30% spielen momentan mit dem Gedanken, sich ein reBike anzuschaffen beziehungsweise ihr altes Rad teilweise mit den neuen, nachhaltig produzierten sowie umweltfreundlich abbaubaren Kleinteilen aufzurüsten. „Wenn man sich in Freiburg so umsieht ist es schön, die ganzen Leute wieder auf ihren Rädern zu sehen. Noch toller ist es natürlich, wenn man das neue reBike zu Gesicht bekommt. Ein ganz besonderes Fahrrad ist das geworden“, so ein Freiburger Bürger – und er hat recht. In Freiburg wimmelt es nur so von Radfahrern.

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Versuchen wir nun, den technischen Fortschritt anhand eines Beispiels nachzuvollziehen: Bedingt durch bereits effizienter werdende, strombetriebene Haushaltsgeräte sowie neue Techniken in der Wärmeisolierung von Gebäuden gelang es in den vergangenen zwei Jahrzehnten bereits, den durchschnittlichen Pro-Kopf-Verbrauch an Strom innerhalb Deutschlands um bis zu 70% zu senken. Neben zwei genannten Aspekten ist dafür aber auch ein gesellschaftlicher Wandel verantwortlich, durch den die meisten Menschen gelernt haben, verantwortungsbewusster mit dem Stromverbrauch umzugehen. Eine Waschmaschine, die auf 60 Grad Celsius eine vollbeladene Wäschetrommel reinigt, verbraucht mittlerweile nur noch ca. 0,5 Kw/h anstatt einer Kw/h, wie es vor zwanzig Jahren noch der Fall war. Dies ist exakt dieselbe Menge, die ein moderner Fahrradgenerator, auch bedingt durch sog. Wattmultiplikatoren (für deren Erfindung ein südkoreanisches Forscherteam vor einigen Jahren den Physiknobelpreis erhielt) bei dreißigminütigem, einigermaßen energischem Fahrradfahren produzieren kann. Ein Student der Universität Freiburg, der in Littenweiler wohnt, kann also, wenn er einmal zum Eiscafé Portofino in der Innenstadt möchte, durch den auf seiner Fahrt produzierten Strom eine Waschmaschine damit versorgen. Hier zeigt sich, wie das reBike auch mit dem technologischen Wandel auf anderen Gebieten Hand in Hand geht.


Das Envirobike

Doch wodurch zeichnet sich das reBike aus? Zur Beantwortung dieser Frage werfen wir einen Blick auf seine Zusammensetzung:

Der Rahmen

  • Lackiertes und versiegeltes Pappmaschée, witterungsbeständig und stabil gegenüber Stoßbelastungen
  • Spezielle Rahmenstruktur: Hohlräume verstärkt durch Dreieckskonstruktion
  • Lack/Versiegelung: frei von schädlicher Gasfreisetzung, versetzt mit Harz für nötige Festigkeit
  • Pappmaschée: kompostierbar oder wiederverwendbar
  • Farbe: Zum Beispiel aus haltbargemachtem Rotebeteextrakt

Die Räder

  • Scheibenräder für mehr Aerodynamik, ebenfalls aus nachhaltigem Pappmaschée
  • Reifen aus Naturkautschuk

Die Kleinteile

  • Pedale: Aus Holz
  • Klingel: Wird ersetzt durch verbales Signal: Enviro Ahoi! (schafft gleichzeitig gute Laune und fördert Sozialkontakte)
  • Bremsen, Gangschaltung: Aus langlebigem robusten Plastik, umweltfreundlich und biologisch abbaubar
  • Sattel: Aus Naturkautschuk, gefüllt mit einem aus Agartine gewonnen Gel
  • Federung: Upgecycelte Federn aus alten Fahrrädern

Der Helm

  • Besetzt mit Solarzellen, inspiriert von der Form der amerikanischen Absolventenhüte
  • Solarzellen abmontierbar (bei Reperaturbedarf muss nicht gesamter Helm gewechselt werden)
  • mit automatischer Ausrichtung zur Sonne

Der Stromerzeuger

  • Bremsenergie-Generator als kinetisches Energierückgewinnungssystem
  • Ähnlich des Dynamos Auffangen der Reibungsenergie am Reifen
  • Spannenergie-Gewinnung aus der Federung
  • Speicherung in einem portablen Akku aus synthetischem Licium

Die Produktion

  • Auf Langlebigkeit und Austauschbarkeit ausgelegt
  • so regional wie möglich
  • Transport möglichst über Schienenweg oder Elektrofahrzeuge (genährt vom Enviro-Strom)
  • Verwendung brauchbarer Überreste alter Fahrräder zur Einsparung des Produktionsumfangs

Die Entsorgung

  • Wiederverwendung aller noch verwertbaren Einzelteile
  • Kompostierbarkeit bspw. des Rahmens
  • Holzbestandteile als Brennstoff oder Nährboden für heimische Natur
  • Motto: Reparatur vor Recycling vor Entsorgung

Ein verbraucherfreundlicher Nebeneffekt ist im Übrigen das gute und einfache Handling durch die Leichtbauweise.

 

Neuer Schwung für mehr Bewegung

Der neue Aufschwung sportlicher Bewegung ist auch sehr zum Erfreuen der Freiburger Sportwissenschaft. Sport und Bewegung sind, wie mittlerweile jedem bekannt, zwei der wichtigsten Grundlagen für ein gesundes Leben. Sicherlich spielt Nachhaltigkeit auch in Bezug auf Bewegung eine wichtige Rolle. Gesundheit ist eine wertvolle Ressource, die es längst möglich in einem guten Zustand zu erhalten gilt. In den letzten zehn Jahren ist zwar das Bewusstsein für ausreichend Bewegung in der Bevölkerung erfreulicherweise stark angestiegen, dennoch bedarf es weiterhin an Aufklärung und Motivation, damit die Menschen für eine gesunde, von Bewegung geprägte Lebensweise langfristig überzeugt werden.

Freiburg ist nach wie vor eine Stadt der Bewegung und im Deutschlandranking ganz weit oben. In den letzten Jahren hat es aber auch bei uns- wie leider überall- einen Rückgang von Bewegung im Alltag gegeben. Dies zeigt eine Studie des Freiburger Instituts für Sport und Sportwissenschaft (kurz IfSS) aus dem Jahr 2029. „Zwar geht die deutsche Bevölkerung im Schnitt öfter zum Sport als noch vor 15 Jahren, dennoch ist durch das Nachlassen der Alltagsaktivität lediglich eine Umverteilung der Bewegungs- und Sportaktivität zustande gekommen, keine Steigerung. Was wir uns wünschen würden, ist ein höheres generelles Pensum an Bewegung. Wir arbeiten hart daran, neue Projekte ins Leben zu rufen, die die Menschen motivieren und ihnen tolle und einfache Wege für ein gesundes, sportliches Leben zeigen“, so der Leiter des IfSS Freiburg. Weiter sagt er, er freue sich über das beCYCLING Projekt, da das genau einen solch wünschenswerten Effekt mit sich bringe. Er könne schon jetzt förmlich spüren, wie der Spaß an Bewegung bei den Freiburger Bürgern durch den neuen Hype am Rad stetig steige.

Und es gibt einen weiteren Grund zur Freude für den seit sieben Jahren Leitenden des IfSS: Zwei ehemalige Absolventinnen des Freiburger Sportinstituts sind Teil des beCYCLE-Teams. „Das macht mich wahnsinnig stolz“.

Auch ich bin zufrieden mit dem, meine Mitstreiter und ich in den letzten Jahren gemeinsam erreicht haben. Es wurde ein Bewusstsein für einen mitunter problematischen Lifecycle in Bezug auf die Fahrradproduktion geschaffen. Es hat sich ein technischer Fortschritt eingestellt, der die Produktion des reBike so simpel macht. Das Fahrrad, wie es noch vor zwanzig Jahren in Serie ging, wird mehr und mehr zu einem Museumsobjekt. Und nicht zuletzt ist als Nebeneffekt eine große Selbstidentifikation mit dem Produkt und dem, was es kann, ermöglicht worden. Wir sind Pioniere. Doch der Weg ist noch nicht zu Ende. Das hoch gesteckte, aber realistische Ziel lautet, dass in zwanzig Jahren in Deutschland nur noch Fahrräder verkauft werden, die sich am reBike orientieren. Dadurch erhoffen wir uns gesunde Menschen, eine gesunde Gesellschaft und ein gesundes Ökosystem, für das wir unseren Beitrag leisten möchten. Die Selbstheilungskräfte der Natur sind schließlich begrenzt, und eine unkontrollierte Ausbeutung und Überlastung auf der Suche nach verwertbaren Rohstoffen würden unweigerlich eine düstere Perspektive eröffnen. Unser Fahrrad besteht aus Materialien, die die Natur für uns hergestellt hat. Sie sind größtenteils wiederverwertbar. Dies macht uns und das reBike zu Pionieren und soll unser Beitrag dazu sein, einen optimistischeren Blick in die Zukunft zu ermöglichen.

Für mich selbst ist dieser schöne Tag zu schade, um ihn nicht auch zu nutzen. Daher setze ich mich nach dem Frühstück aufs Fahrrad für eine schöne Tour. Nicht wegen dem Strom, den ich dadurch erzeuge, und auch nicht, weil ich heute besonders gesund leben möchte. Sondern weil Fahrrad fahren einfach Spaß macht, und das sollten wir niemals vergessen.

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